I
 
 
  Ich befinde mich auf einer Straße, rechts und links gewöhnliche Häuser. Meine Hände habe ich tief in die Taschen meines Mantels gesteckt, es ist kalt - November. Ich gehe diese Straße entlang, warum, weiß ich nicht mehr. Mir war, als wollte ich zum Briefkasten gehen, es ist auch möglich, daß ich nur frische Luft schnappen wollte. Ich kenne die Straße nicht, die Häuser sehe ich zum ersten mal. Ich sehe einen Briefkasten, warum hätte ich zum Briefkasten gehen wollen, ich kenne die Straße nicht, diesen Briefkasten nicht. Vielleicht habe ich mich auch verlaufen.  
 
  Auf dem Straßenschild kann ich trotz Dukelheit den Namen der Straße entziffern: Hopfenhof. Das sagt mir nichts, auch nicht entfernt. Ich bin fremd, werde mich doch verlaufen haben. Wo wollte ich hin, frage ich mich, interessanter noch, wo komme ich her. Ich kann mich nicht entsinnen. Hopfenhof, ich schaue mir dir fremden Häuser an, die Dächer zuerst, immer die Dächer zuerst, da wo weiter Himmel und nasses Dach sich stoßen. So stelle ich mir das Ende der Welt vor, ein nasses Dach und darüber nur noch Himmel.  
Das Dach könnte auch trocken sein, aber mein Ende der Welt ist verregnet. Ein verregneter Novemberabend, und kalt.  
 
  Die Dächer im Hopfenhof sind hoch, höher als dort, wo ich hergekommen sein muß. Hinter den Fenstern kein Licht, die Häuser wie ausgestorben [sie schweigen, als wollten sie mir etwas sagen], oder es ist nachts, wie spät mag es sein, wann bin ich losgegangen, bin ich losgegangen? Ich weiß nur, nein, ich weiß es nicht. Ich gehe diese Straße entlang, Hopfenhof, und weiß nicht wieso. Ich bin hier fremd.  
 
  Die Hauseingänge, mit beleuchteten Hausnummern, alle gleich. Eine Gegend zum Verlaufen, wenn man nicht hier wohnt. Ich hätte schon lange stehenbleiben können, schon an dem Briefkasten, der längst weit hinter mir ist, ich hätte. Stattdessen bin ich weitergegangen, habe mir die nassen Dächer angeschaut, habe festgestellt, daß die laufenden ungeraden Hausnummern kleiner werden, stattdessen ziehe ich den Gürtel an meinem Mantel fester zu und schaue mir die parkenden Autos an, während ich weitergehe. Die üblichen Autos, einige japanische, hauptsächlich deutsche Marken, gelegentlich Aufkleber an der Heckscheibe. An einem der Autos war mir etwas aufgefallen, aber ich bin weitergegangen, ich habe keine Lust herauszufinden was es war.  
 
  Ich stelle fest, bald bin ich an der Straßenkreuzung angekommen, der ich, im Grunde genommen, seit einiger Zeit schon ahnungsvoll entgegenstrebe. Etwas an dieser Kreuzung ruft in mir eine Erinnerung wach. Fremde Gegenden rufen oft Erinnerungen in mir wach. Ich fühle mich wie im Traum, als wäre ich vor langer Zeit, vielleicht als Kind, schon einmal an dieser Kreuzung gestanden. Allerdings weicht die Ahnung, sobald ich die Kreuzug erreicht habe der Gewissheit, daß die Kreuzung, wie die Häuser und alles an dieser Gegend mir unbekannt ist, ich nicht weiß wo ich bin.  
 
  Da ich nun, daran glaubend mich verlaufen zu haben, unter einer Straßenlampe stehe und unschlüssig bin in welche Richtung ich mich wenden soll, krame ich vorerst in den Manteltaschen nach Zigaretten. Ich finde eine angebrochene Packung, nicht meine Marke, filterlos, ich denke nicht weiter darüber nach (oder doch?), und nach einer Weile ein Feuerzeug. Die ungewohnt starke Zigarette rauchend betrachte ich zweifelnd das Feuerzeug, elegant, vielleicht vergoldet, aber nicht meins. Es ist nicht meine Art Feuerzeuge einzustecken, die nicht mir gehören (aus Achtung vor Eigentum) und es ist nicht meine Art filterlose Zigaretten zu rauchen. Ich schaue die regennasse Straße entlang, verunsichert, und warte bis der Wagen, den ich in der Ferne bemerke, an mir vorbeigefahren ist. Nun da ich mich unbeobachtet wähne (ich fühle mich dennoch beobachtet), stecke ich Feuerzeug und Zigaretten wieder ein und beginne, nicht ohne mich gelegentlich umzuschauen, die Taschen an meinem Mantel zu durchsuchen.  
 
  Ich komme mir vor wie einer, der etwas Verbotenes tut, wie vor Jahren, als ichh während mein Vater vor dem Fernseher eingenickt war, an seine Zigaretten gehe und mich ins Badezimmer schleiche, um dort meine erste Zigarette zu rauchen, von der mir übrigens nicht übel wurde. Meine Mutter war an jenem Abend geschäftlich unterwegs, glaube ich, sonst wäre meine erste Zigarette wohl nicht bis heute unentdeckt geblieben, ein Geheimnis, das ich mir aufbewahrt habe, meine Mutter kam meinen Heimlichkeiten immer auf die Schliche, sei es weil ich ihr früher oder später davon erzählt hätte. Sie zu hintergehen war die einzige Sünde, die es für mich gab. So aber, da sie nicht zu Hause war, sagte ich mir, hatte ich sie auch nicht hintergangen und mein Vater schlief. Und da es keine Sünde, lediglich etwas Verbotenes war, vergaß ich mein Geheimnis, bis jetzt wo ich unter der Straßenlampe stehe und einen Schlüsselbund in der Hand halte: Zwei Sicherheitsschlüssel an einem metallenen Ring. Ich frage mich nicht lange wie zu dem Feuerzeug eines Fremden (ich bin mir siche es gehört einem Mann) auch noch dieser Schlüsselbund in meine Manteltasche kommt, ich bin mir hingegen inzwischen recht sicher und wundere mich über mich selbst, da es nicht meine Art ist, in fremderleuts Mänteln zu stecken. Ich habe es so mit Kleidungsstücken, sobald ich sie trage denke ich nicht mehr an sie, und betrachte sie auch nicht, es sei denn sie seien neu, was mein Mantel nicht ist, wo immer er auch sein mag. Ich habe den falschen Mantel angezogen, bloß wo? Und wann? Den fremden Mantel betrachtend, stelle ich fest, daß er blau ist und ich blau nicht mag, es steht mir nicht, wieso also dieser Mantel?  
 
  Anstatt weiter zu überlegen wie ich in den Mantel, in den blauen Mantel, der mir allerdings passt, als sei es mein eigener, komme, denn das ist eine Tatsache, an der ich wenig ändern kann, es sei denn ich würde ihn jetzt ausziehen, es regent aber, anstatt also darüber nachzudenken, suche ich weiter in den Taschen. In einem Mantel, denke ich mir, in dem ein Schlüsselbund steckt, wird sicher auch eine Brieftasche zu finden sein. Ich suche, fühle mich nicht mehr beobachtet, da ich erschreckt, nein, vielmehr sprachlos, bin, was aber nicht auffällt, da mich niemand fragt, was ich denn suche, und finde schließlich in einer Innentasche ein ledernes Etui.  
 
  Das Etui aufgeklappt, sehe ich, daß es tatsächlich die gesuchten Papiere enthält. Ich zögere noch den Ausweis aufzuschlagen, da mir bewußt wird, daß ich im Begriff bin das Unmögliche (daß ich einen fremden Mantel trage, nicht weiß warum) als unausweichlich anzunehmen. Lieber wäre mir, ich könnte die Erkenntnis verscheuchen und weiter in der Hoffnung umherirren zu entdecken wo ich bin und wo ich herkomme.  
 
  Ich könnte mir etwas vornehmen, mein Wissen dadurch übergehen, daß ich täte als wüßte ich genau weshalb ich mich hier herumtreibe, als wäre ich nur stehengeblieben um mir eine Zigarette anzuzünden (was auch stimmt) und wäre unschlüßig gewesen, da ich nicht wußte wo ich lang gehen sollte. Ich könnte weitergehen und dem beleuchteten Schild entgegenstreben; der Name einer Bierbrauerei läßt mich auf ein Lokal oder eine Gaststätte hoffen, wo ich eine kleine Speise zu mir nehmen könnte. Ich würde mich vor mir selber benehmen als kennte ich das Lokal und hätte nicht nur beim zögernden, nachdenklichen Umherblicken diesen hellen Fleck wahrgenommen und darin die Möglichkeit eines Ziels für meine Ratlosigkeit gesehen. Wenn ich das Lokal betreten hätte, hätte ich mich an meinen Lieblingsplatz gesetzt - vorher sicherlich den Mantel an die Garderobe gehängt - und in der Speisekarte geblättert, obwohl ich sie in- und auswendig kennen müßte. Weil das Lokal recht gut besucht ist, wird es dauern bis ich bedient werde; diese Zeit werde ich damit verbringen die anderen Gäste zu mustern, die Innendekoration zu betrachten (vielleicht werde ich die Hinweistafel suchen, die den Weg zu den Toiletten zeigt) und spätestens dann werde ich feststellen müssen, daß ich mich nicht hintergehen kann. Das Lokal ist mir so fremd wie alles, wie meine Situation, wie die Frage, woher ich gekommen bin. Was bleibt mir also. Ich halte den Personalausweis, äußerlich wie alle anderen (allerdings wenig abgegriffen), in der Hand und weiß, daß es unausweichlich ist hineinzusehen; früher oder später werde ich es tun, also, sage ich mir, kann ich es auch jetzt hinter mich bringen. Wozu es aufschieben, es mir im Kopf umherschwirren lassen, wenn mich noch Wichtigeres drängt. Ich werfe einen letzten Blick auf das kleine graue Heft, dann blättere ich die erste Seite um und sehe im knappen Licht der Straßenbeleuchtung das Bild des Mannes, dessen Mantel ich für meinen gehalten habe. Unter der Photographie, seine Unterschrift, unleserlich zwar, aber auf der gegenüberliegenden Seite, tabellarisch und in Maschinenschrift, die üblichen Daten. Nun weiß ich, was mir nicht hilft, Namen, Geburtstag und so weiter des Fremden und schaue mir erneut das Passphoto an, diesmal etwas ausgiebiger. Das fremde Gesicht, nichtssagend wie Famileinphotos von Bekannten, deren Verwandte ich nie kennengelernt habe, könnte beliebig austauschbar sein, ich kenne diesen Menschen nicht, und doch ist dieser Unbekannte, dessen Ausweis ich vor den Regentropfen zu verbergen versuche, plötzlich zu einem Teil meines Lebens geworden. Ein kleines, winzig kleines Detail, aber im Moment ein bedeutendes, denn, wenn auch sein Name, sein Gesicht in mir auf Leere treffen, so werde ich ihn ausfindig machen müssen, allein schon um die Verwechslung der Mäntel rückgängig zu machen. Ich blättere daher weiter, bis ich die Eintragung seiner Adresse finde, die mich wiederum verwirrt.  
 
  Während ich im Regen stehend, die Anschrift meines Fremden zum zweiten Mal lese, kommt es mir vor als existiere außer mir und dem Ausweis nichts, als wäre meine Welt zusammengeschrumpft und es gäbe nur mich, der nicht weiß was los ist. In sauberer Handschrift sehe ich den Straßennamen: Hopfenhof, und die Hausnummer: dreiundsiebzig; darüber in blauer Stempelfarbe: Hamburg. Auf einmal entsinne ich mich, und will es doch nicht glauben, was mir beim beiläufigen Betrachten der Autos aufgefallen war. Ein Kennzeichen war es, ein Hamburger Kennzeichen mit dem doppelten 'H'. Und der Name der Straße, hier im Ausweis, der gleiche wie auf dem Schild in der Dunkelheit.  
Ich versuche nicht zu denken, was mir so nahe liegt, stelle mir stattdessen niedrige Häuser vor, mit Vorgärten und einer Allee aus Bäumen davor. Dieses Bild erscheint mir vertraut, um so mehr, als daß ich es um mich herum nicht finde, mir jetzt noch fremder vorkomme. Die Straße, die Erinnerung an das Nummernschild und die Eintragung in diesem Ausweis, den ich immer noch in das Licht der Straßenlaterne halte, das läßt mich ahnen, wenngleich die Vorstellung absurd ist, daß ich in einer fremden Stadt bin: Hamburg.  
Und ich weiß nicht wo ich hergekommen bin. Ich ging diese Straße entlang und fragte mich was mich dazu bewogen haben mochte, suchte einen Anhaltspunkt um mich zurechtzufinden, immer in der Hoffnung, ich könnte etwas erblicken, das mir Aufschluss geben würde darüber wo ich war.  
 
  Die eigentliche Frage, wo ich herkomme, wich der Untersuchung des fremden Mantels und dem Rätsel, wie es kommt, daß ich ihn trage. Ich stecke den Ausweis zurück in das Etui, verstaue es in der Innentasche und hole wieder Zigaretten und Feuerzeug hervor. Das Beste wird sein, sage ich mir, in aller Ruhe zu bedenken, was ich tun sollte. Beim Anblick des eleganten Feuerzeugs, nun nicht mehr gänzlich fremd, beginne ich aber mich erneut zu fragen, wie ich hier herkomme. Wann habe ich mich das zuerst gefragt, wann bemerkt, daß ich diese Gegend nicht kenne? Es will mir nicht einfallen und ich erinnere mich auch nicht., wie ich in die Straße, mit deren Namen ich mich jetzt vertrauter finde, gekommen bin. Ich kann mich an nichts erinnern, was vorher war. Vorher, wo vorher? Alles was mir einfällt ist dieser verdammte Hopfenhof, dessen Name allein schon mich verärgert; das ist kein Name für eine Straße! Und dann wieder: Wieso Hamburg - Hansestadt, Überseehafen und weltmännische steife Geschäftigkeit - Hamburg, eine Stadt wie andere, fremd und höchstens aus Geographiestunden in der Schule und Fernsehnachrichten bekannt; wieso also Hamburg, und wieso ein blauer Mantel. Es will mir nicht einleuchten und ich denke nur, wo ist dieser Fremde, ich will den Mantel los sein, nicht mehr daran denken müssen.  
 
  Indem ich die Zigarette austrete, frage ich mich, wie lange ich hier an der Straßenkreuzung gestanden haben mag, vielleicht fünf Minuten - es erscheint mir länger -, und welche Uhrzeit es sein könnte. Kaum Verkehr auf der Straße, Passanten sind mir nicht begegnet und eine Armbanduhr habe ich nicht. Beinahe restlos durcheinander - mir kommt das alles etwas unwirklich vor - gehe ich den Weg zurück, finde mich absurd, an das Absurde zu glauben, und sehe die Autos, womit ich, obschon zagend, gerechnet habe (das Absurde scheint es zu verlangen), fast alle mit Hamburger Kennzeichen. Ich achte nicht weiter darauf, sondern lese die Hausnummern, bis ich vor einem Haus stehenbleibe.  
 
  Die beleuchtete Zahl, dreiundsiebzig, finde ich lächerlich, wie ich inzwischen die ganze Situation lächerlich finde. Ich sollte mich damit abfinden, den Mantel vorerst zu behalten und nach Hause zurückfinden. Schließlich ist die Zeit vorbei, in der ich mir, als kleiner Junge, Abenteuer ausgedacht habe, die für mich so wirkklich waren wie das Leben zu Hause bei den Eltern, die niemals ahnen konnten, daß es diese Welt gab, in der ich den bedrohlichsten Situationen gegenüberstand. Mal waren es gefährliche Spione, die ich unauffällig beschatten musste, mal war ich selber auf der Flucht und war froh, wenn ich mich unerkannt bis nach Hause durchgeschlagen hatte, wo ich in Sicherheit war und es bald Abendbrotzeit war.  
 
  Es wird zwar kein Abendbrot geben in meiner Junggesellenwohnung, aber, denke ich, es besteht ja die Aussicht auf eine heisse Tasse schwarzen Tees. Es regnet immer noch und die Feuchtigkeit lässt mich durch und durch frösteln, so daß ich mich nun in den Hauseingang, der ein wenig überdacht ist, stelle, und überlege, wie ich am schnellsten nach Hause komme. Ich wundere mich, daß ich nicht schon lange auf die Idee verfallen bin, ein Taxi zu suchen. Doch, mir fällt sofort auf, ich habe kein Geld; es steckt in meinem Mantel, der, ich weiß nicht wo, an einer Garderobe hängen mag. Ich bin mir sicher, in dem ledernen Etui, es sieht danach aus, werde ich ein paar Geldnoten finden, zumindest eine. In Anbetracht der außergewöhnlichen Situation könnte ich, was mir sonst fremd wäre, das Geld nehmen ud später durch mein eigenes wieder ersetzen. Ich beschließe also, ein Taxi zu finden, will gerade los und stelle mir vor, schon in dem geheizten Wagen zu sitzen, ich stutze aber, da mir bei der Vorstellung, dem Fahrer das Ziel zu nennen, der Straßenname nicht einfallen will. Eine Allee, das weiß ich, - Pappeln - in den Vorgärten Flieder und Magnolien, keine Autos, sie stehen in den Garagen, ein gepflegter Gehweg. Der Name fällt mir nicht ein und beim genaueren Überlegen stelle ich nur fest, daß ich selbst die Hausnummer nicht weiß. Ein einzelnes Haus, vielleicht ein Reihenhaus, ich bin mir aber nicht sicher. Lediglich die Pappeln und die Büsche in den Vorgärten scheinen mir sicher. Ich versuche mir das Bild des Hauses zu vergegenwärtigen, ich denke, außer mir noch eine Mietpartei, also zwei Klingelschilder (aus Messing), unter meinem Namen, der andere.  
 
  Immer noch im Hauseingang stehend, Hopfenhof dreiundsiebzig, kann ich weder sagen, ob ein Giebel- oder ein Flachdach zu dem Haus gehört, noch wie der zweite Name lautet. Pappelallee, Vorgarten mit Flieder oder Magnolien, eine Garage, der saubere Gehweg, ein Reihenhaus mit Flachdach oder mit Giebeldach (vielleicht auch kein Reihenhaus, aber dennoch mit Flachdach oder mit Giebeldach) zwei Namensschilder aus Messing, auf dem oberen mein Name, nach dem ich mich nie frage, nur jetzt, im fremden Hauseingang stehend, frage, und der mir nicht einfällt. Kein Name. Völlige Leere bei dem Gedanken an einen Namen. Ich sage, das kann nicht sein, doch auch dadurch fällt mir mein Name nicht ein Ich denke eine Weile gar nichts, zumindest versuche ich nicht zu denken. Lieber nicht denken, als zu denken, was nicht möglich ist: daß ich meinen Namen vergessen habe. Bei dem Versuch nicht zu denken, denke ich an Amnesie; Halbwissen oder auch Unwissen: Gedächtnisschwund infolge eines Schocks physischer oder psychischer Art. Ich kann mich keines Schocks entsinnen, ich weiß nur, ich bin fremd hier, besonders, wenn dies wirklich Hamburg ist.  
 
  Gedächtnisschwund! Woran kann man sich am ehesten erinnern, nicht erinnern? Ich suche. Wer ist der Fremde? Ich drehe mich nach den Namensschildern um, ich sehe seinen Namen unter anderen. Es sind fremde Namen, nur seiner, seit wenigen Minuten (ich vermisse meine Armbanduhr, jetzt erst, was mich um so mehr wundert, als ich doch ohne Uhr die Termine - ich weiß nicht was für welche - nicht einhalten könnte) nicht mehr unbekannt, nur sein Vorname fehlt auf dem Schild. Ich könnte jetzt klingeln, aber was dann? Ich weiß nicht mal wer ich bin; ich erinnere mich an meine Kindheit, bruchstückhaft. Einzelne Szenen eines Films. Weißer Strand mit Sonnenschirmen, Duft nach Orangenblüten, die toupierten dunklen Harre meiner Patentante, eine schattige Minigolf-Anlage, bei meinen Eltern im Bett, Ruhe - ich kann mich gut erinnern, Gesichter sehe ich jedoch nicht. Jedesmal, wenn sich eine der Gestalten umdreht, verschwimmt das Bild, das ich mir von ihnen mache. Das hat nichts mit Gedächtnisschwund zu tun, es war nie anders. Vielleicht habe ich mir zu viele Photographien angesehen, vielleicht kenne ich Gesichter nur von Photographien, und vielleicht habe ich so gelernt zu vergessen.  
 
  Statt jetzt zu klingeln, denke ich an das, was ich vergessen haben sollte. Ich denke, daß ich niemals ein anderer war, immer das Kind, der Erwachsene, der Mensch, ein Mann - jede Sekunde, die ich nie gesehen habe. Auf einmal verstehe ich das Schmerzliche am Leben. Als Säugling an der Brustwarze saugend, nicht denkend, nicht wissend und nicht ahnend, daß ich mich nicht daran erinnern werde. Warum gerade jetzt? Weil ich nicht mehr weiß wer ich bin? Ja, ich weiß es nicht, und um mir nicht selber etwas vormachen zu wollen, ich wußte es nie. Somit sollte ich mich nicht wundern, sollte mich eher wundern, wenn es nicht so wäre. Wer weiß denn, wer er ist, der Fremde etwa? Ich fühle mich beinahe wie bei meinen Abenteuern, die ich mir aus Comic-Heftchen abgeschaut habe. Abgeschieden von der Welt und verlassen von denen, deren Liebe ich mir sicher bin, stehe ich irgendwo und führe einen geheimnisvollen Auftrag aus. Es gilt, meine Eltern zu beschützen, die nichts wissen dürfen, weil sie sonst verloren sind. Und mehr noch werde ich verloren sein, wenn es mir nicht gelingt die Gefahr abzuwenden. So fühle ich mich und bin schon mittendrin in meinem Abenteuer, als ich merke, daß ich nicht vergessen kann, weder die Zeit als Kind, noch daß ich in einem fremden Hauseingang stehe.  
 
  Ich bin jetzt entschlossen etwas zu tun, denn ich sage mir, irgendetwas wird so oder so kommen, warum also nicht das. Ich denke zwar noch daran, daß es mitten in der Nacht sein wird, daß ich ihn aus dem Bett holen werde durch mein Klingeln, aber ich habe schon den Klingelknopf gedrückt, nun ist es unwiderruflich, und starre auf das Namensschild des Fremden: Wahrlich.  
 
II
 
 
  Ich habe geklingelt, es ist unwiderruflich, ich warte auf das Geräusch des Türsummers, hinter mir höre ich ein Auto vorbeifahren. Das vertraute Geräusch der Reifen auf nassem Asphalt. Ich beginne zu zählen, Sekunden, wann kann ich ein zweites Mal klingeln, ohne aufdringlich zu erscheinen. Zählend stehe ich an die Haustür gelehnt und stelle mir vor, mein Fremder, Joachim Wahrlich, nun denke ich schon seinen Namen, ist verheiratet, was ich nicht wissen kann. Ich denke mir, er hat das Klingeln nicht gehört, schläft weiter, atmet dabei gleichmäßig. Seine Frau aber, liegt nun mit geöffneten Augen neben ihm und lauscht. Sie ist sich nicht sicher, ob sie nur geträumt hat. Vielleicht haben sie Kinder und die Frau steht jetzt auf um nachzusehen, ob sie schlafen - ein leichter Anfall von Elternparanoia. Wahrscheinlich, aber, haben sie keine Kinder, sind auch nicht verheiratet, sondern lediglich ein Paar, wie ihre Freunde sagen, wenn sie über die beiden reden, und sie, die Frau, liegt wach im Bett, richtet sich auf - in ihren Augen spiegelt sich das durch die Straßenbeleuchtung erhellte Fenster.  
 
  Da ich nun bei hundert mit dem Zählen angelangt bin und erneut bemerke, wie grotesk die Situation ist, in der ich mich befinde, stelle ich mir nicht weiter vor, was alles möglich wäre. Für einen Augenblick denke ich, 'ich weiß nicht wer ich bin', doch diesen Gedanken konsequent weiterzudenken, scheint mir nicht möglich zu sein, denn ich klingele ein zweites Mal und blicke wartend auf das Milchglasfenster über der Haustür.  
 
  Joachim Wahrlich ist nicht verheiratet, sage ich mir. Als ich mir sein Paßfoto ansah, dachte ich gleich, er wird studieren, Jura womöglich, er wird das Gerichtswesen reformieren wollen. Ich weiß natürlich, daß es unsinnig ist, so etwas zu denken, denn anhand seines Fotos kann ich das gar nicht beurteilen und schließlich kenne ich ihn nicht. Wahrscheinlich erinnert mich sein Gesicht nur an jemanden, den ich kenne, kennen sollte. Ich weiß also überhaupt nichts über ihn und, daß ich mir vorstelle er würde Student sein, oder er wäre verheiratet, kommt nur daher, daß ich, beinahe verzweifelt, versuche etwas zu denken, oder etwas nicht zu denken, was mir früher oder später eh misslingt.  
 
  Um mich zu beschwichtigen, sage ich mir, 'zumindest weißt du, daß du du bist', leider gelingt es mir nicht darüber zu lachen. Ich weiß, ich würde gerne lachen. Ich würde mir gerne sagen, 'Mensch du spinnst ja; das gibt es doch gar nicht, daß du nicht weißt wer du bist'. Ich weiß es wirklich nicht; das Wort 'ich ' hat seine Bedeutung verloren. Es war nicht viel, was es bedeutete, und auch das eigentlich nur Belangloses wie ein Name, doch nun, etwas Abstraktes wie die Worte 'Angst' oder 'Hoffnung'.  
 
  Hinter der Milchglasscheibe bleibt es dunkel, ich merke, daß ich nach dem ledernen Etui greife, nicht weiß wieso eigentlich. Erst jetzt sehe ich, daß das Etui recht viele Fächer hat und daß es ziemlich dick ist. Ich fühle mich nicht mehr beobachtet, wie vorher, - die Brieftasche ist mir schon vertraut, als sei es meine eigene. Ich denke mir und bin froh, dadurch abgelenkt zu sein, es geht schnell, daß Besitzverhältnisse (ist das der korrekte Begriff?) verschwimmen, daß mir das Verhältnis von 'Dein' und 'Mein' abhanden kommt. Ein Scheckheft, schwarz, dessen Aufdruck, Hamburger Sparkasse, mich daran erinnert, daß ich nicht glauben kann, wirklich in dieser Stadt zu sein. Ich bin nie in Hamburg gewesen, sicherlich nicht, oder doch? Inzwischen erscheint mir fast alles fragwürdig, und es ist wenig, von dem ich sicher annehme, daß es so ist. Warum nicht gleich Bangkok oder vielleicht Lima, es ist doch auch nicht unwahrscheinlicher. Und wo komme ich her, aus welcher Stadt, ich könnte doch immer in Hamburg gelebt haben und es nur vergessen haben, wie alles Andere? Ich weiß (?) nur, eine große Stadt; ich bin mit der U-Bahn gefahren, jeden Morgen? Zur Arbeit?  
 
 
  Ich weiß genau, meine es zu wissen, ich steghe in einem vollen Abteil, atme verschiedene Gerüche ein. Schweiß, Rasiewasser, feuchte Kleidung, Haarspray. Ich lese Überschriften in Tageszeitungen, die mir vors Gesicht gehalten werden und spüre fremde Leiber, sich an mir stoßen. Weit entfernt höre ich eine Stimme,, Lautsprechergemurmel, irgendwelche Stationen ankündigen. Ich weiß, es sind die Stationen, deren Namen ich jeden Morgen höre, doch jetzt höre ich keine Namen, nur Gemurmel, U-Bahngeräusche.  
 
 
  Ich halte ein Bündel Geldscheine in der Hand, das Scheckheft habe ich zurückgesteckt, ich streiche die Scheine glatt und beginne sie zu zählen. Vierhundertsiebzig Mark, viel Geld um es einfach mit sich herumzutragen, denke ich mir. Zuviel Geld für einen Studenten? Geliebtes Vorurteil! Ein Student, frage ich mich, wieso ein Student. Habe ich wirklich gleich gedacht, er wäre Student. War nicht vorher noch etwas anderes, konnte ich das Gesicht auf der Photographie nicht gar nicht einordnen. Ich stehe noch immer im Hauseingang, habe die ganze Zeit über hier gestanden, womöglich waren es nur Minuten, es erscheint mir bald wie eine Ewigkeit. Und die Strassenkreuzung, an der ich, unter einer Laterne stehend, die Manteltaschen durchsucht habe, wann war das? Die Gaststätte, in die ich mich hineingedacht habe. Ich verstehe, daß ich nicht mehr weiß, was ich empfunden habe, als ich an der Brust meiner Mutter gesaugt habe; ich verstehe, daß ich genauso nicht wissen kann, was ich empfunden habe, als ich den Ausweis, den fremden Ausweis, aufgeschlagen habe. Alles ist unwiderruflich.  
 
 
  Ich habe, bemerke ich, meine Hände tief in die Taschen des Mantels gesteckt, es hat aufgehört zu regnen. Ob es wirklich November ist, weiß ich nicht, ich fühle mich lediglich so, als müsse November sein. Düsterer Monat November. Ich bin aus dem Hauseingang getreten, steh nun wieder auf dem Gehweg, blicke die Straße auf und ab. Ich zögere, auch, wenn ich weiß, daß es keinen Sinn hat, zu zögern. Mir ist klar, ich werde kein zweites Mal an diesem Briefkasten vorbeigehen und ich werde auch nicht den Schlüsselbund hervorholen und die Tür, vor der ich gerade eben noch gestanden habe, aufschließen. Ich werde diese Gegend verlassen, werde mich nicht darum kümmern, daß ich nicht weiß, wer ich bin, ich bin so weit. Wozu, sage ich mir, und glaube mir, wozu muß ich wissen. Wer weiß schon etwas, wer kann all die Sekunden aufzählen, die er gelebt hat. Ich gehe. Ich fühle mich befreit, ich trage kein vermeintliches Wissen mit mir herum. Ich weiß, was ich sehe ist ein Haus, jetzt ein Auto. Ich werde nicht mehr fragen. Kann ich denn verstehen?! Wer maßt sich an, zu verstehen, und weiß doch nicht zu sagen, wie es war, eingepudert und gewickelt zu werden? Erzählt mir nichts, ich gehe, ist das nicht genug? Ich gehe und schaue mir an, wie die Pappeln vom Wind hin und herbewegt werden, die Pappeln hin und her, Pappeln?  
 
 
  Ich starre die Pappeln an, starre sie an und fühle, ich muß zerbrechen, muß weinen. Diese Gegend, diese Nacht, dieses Verlorensein. Warum erlöst mich niemand, drückt mich niemand an sich, warum? Ich möchte schreien, ich höre mich nicht. Geht weg! Gräßliche Bäume, hört auf zu lachen!  
 
 
  Wo bin ich, ich stehe an eine Hauswand gelehnt und atme schnell, als wäre ich gerannt, bin ich gerannt, frage ich mich. Gebeugt an der Mauer lehnend, schaue ich auf die Gehwegplatten, sehe die Hosenbeine und die Schuhe und spüre mein Herz schlagen.  
Jetzt erinnere ich mich. Ich bin, wie panisch, vor den riesigen schwarzen Bäumen weggerannt, bin nur gerannt, ohne zu sehen wo ich bin, wo ich hinrenne. Immer noch keuchend, stelle ich mir vor, daß ich verrückt werde.  
Aber mir fällt auf: Das kann ich gar nicht. Mir etwas vorzustellen, ist unmöglich. Ich scheitere schon daran, zu denken ich stünde vor den großen Bäumen und sie lachten. Dabei ist es wahr; sie haben gelacht. Ich weiß es, ich brauche es mir gar nicht vorzustellen, ich weiß es. Nichts, nichts, sage ich mir, ist sicherer als das, und schaue wieder auf die Steinplatten, auf die blauen Wildlederschuhe, die nicht meine sind - was mich gerade nicht interessiert - , und merke, daß ich nicht aufgehört habe zu keuchen.  
Also werde ich nicht verrückt, was ich mir auch nicht vorstellen kann. Und die blauen Wildlederschuhe interessieren mich doch, insofern als daß sie nicht meine sind, genau wie der Mantel, genau wie die graue Flanellhose, die ich nie getragen habe.  
 
  Nein, ich werde nicht verrückt, aber das, so wird mir klar, ist beachtlich genug angesichts der Tatsache, daß mir alles, wirklich alles fremd ist. Angefangen von dieser Gegend bis hin zu den grauen Hosenbeinen. Selbst meine Hände, die ich jetzt betrachte, erscheinen mir als sähe ich sie zum ersten Mal. Habe ich sie denn je gesehen? Diese Hände mit den dünnen, langen Fingern sollen meine sein? Es sind kleine helle Härchen, die so unmotiviert auf den Fingerrücken wachsen und die ich das erste Mal sehe; die Nägel sind kurz, gepflegt, beinahe schon zu gepflegt, aber auch das werde ich hinnehmen, werde es hinnehmen müssen, was bleibt mir anderes übrig. Daß die Daumen, während ich sie forschend anblicke, aussehen wie die eines Fremden, wundert mich nicht mehr. Ich verstehe, daß es so sein muß, daß es nicht anders sein kann. Eigentümlich ist nur, festzustellen wie, so vertraute Nebensächlichkeiten, immer mehr an Bedeutung gewinnen. Die Häuser, die Autos, alles was ich sehe, das alles ist so selbstverständlich. Und dennoch ist es mir unverständlich; was haben sie mit mir zu tun?  
 
  Wäre ich nicht hier, wäre ich wirklich in Bangkok oder Lima, denke ich, wieviel fremder fühlte ich mich dort und wieviel mehr hätte das gleichzeitig mit mir zu tun. Das einzig Beunruhigende ist, daß es nicht so ist, wie es sein sollte, daß ich mich über das Aussehen der Autos wundere, daß dieser Käfer hier ganz anders aussieht als all die, die ich je gesehen habe.  
Die Markenzeichen meiner Welt, was berechtigt ihr Dasein? Wie leblose Geschöpfe stehen sie am Strassenrand. Die leeren Scheinwerferaugen blicken stumm, ausdruckslos - technische Vierbeiner. Vielleicht kommen ihre Namen nicht von ungefähr, aber was haben sie mit mir zu tun? Was in aller Welt stehen sie hier herum, diese schweigende Masse, und starren meine Hilflosigkeit an? Als fühlte ich mich nicht schon verlassen genug ohne ihre dreisten Blicke. Bin ich nicht ein Mensch, bin ich denn wirklich wertlos, unnütz? Ich hätte nicht schlecht Lust, sie zu zerschlagen, alles dem Erdboden gleich zu machen bis kein Stein mehr auf dem anderen steht. Was für ein Sinn steckt bloß hinter diesen aufeinandergetürmten, aneinandergereihten Wänden voller Fenster, was für Köpfe haben sich das ausgedacht? Stockwerk über Stockwerk immer wieder das gleiche Bild und ein jeder schmort im eigenen Saft. Wie können sie das nur aushalten ohne sich selbst gegenüber dabei fremd vorzukommen? Freiheit ist wohl, wenn wir uns aussuchen dürfen, auf welche Weise wir verrückt werden.  
 
  
15.11.2025 - 21:36:33